Mittwoch, 1. September 2010
Donnerstag, 26. August 2010
Helfen macht stark
Die gute Tat – sie hilft nicht nur anderen, sie macht auch den Helfer stärker. Wie jetzt eine Harvard-Studie zeigen konnte, können moralische Handlungen und selbst der Gedanke daran, anderen zu helfen, die mentale Stärke eines Menschen deutlich erhöhen. Der Psychologie-Doktorant Kurt Gray erklärt sich das mit einer Art selbsterfüllenden Prophezeiung:
“People perceive those who do good and evil to have more efficacy, more willpower, and less sensitivity to discomfort. By perceiving themselves as good or evil, people embody these perceptions, actually becoming more capable of physical endurance.”
Damit verkehrt Gray manche Vorstellung von angeborenem Selbstbewusstsein ins Gegenteil. Oder wie er sagt: “Gandhi oder Mutter Teresa sind womöglich gar nicht mit einer außergewöhnlichen Portion Selbstbewusstsein auf die Welt gekommen, sondern haben dies erst gewonnen, weil sie so vehement versucht haben, anderen zu helfen.”
Trackback / Quelle:
http://news.harvard.edu/gazette/story/2010/04/strength-in-naughty-or-nice/
http://karrierebibel.de/psycho-sammelsurium-wie-wirken-moral-fakes-fuse-geld/
(Foto: Pixelio.de – Rainer Sturm; überarbeitet Peter Varsek)
Donnerstag, 19. August 2010
Urteile nie zu schnell – Don´t judge too quickly
Vor kurzem hat jemand in Facebook ein Video gepostet, der es wert ist auch hier gezeigt zu werden. Und zwar geht es in diesem auch humorvollen Video mit seinen fünf Clips darum, dass wir stets dazu neigen zu schnell zu urteilen. Natürlich wurden die Clips ein kleines bisschen auf die Spitze getrieben, doch könnte die ein oder andere Szene jedem von uns passieren.
Das beste Mittel gegen ein zu frühes Urteilen ist immer noch: Fragen, fragen, fragen. Doch nicht immer ist das möglich. Vor einigen Monaten erwischte ich mich selbst, wie ich jemanden doch beurteilte. Ich stand im einem Einkaufscenter mit einem Bekannten in der Schlange vor der Kasse. Vor uns war ein älterer Mann. Vom Äußeren her gesehen hätte er irgendwie mal wieder eine Dusche vertragen können. Seine Haare waren fettig. Seine Kleidung schludderig. Kurzum: Nicht gerade gepflegt. Und auf dem Kassenband hatte er einige Flaschen Bier stehen, sonst nichts. Also gerade das, was meinen ersten Eindruck nur zu bestätigen schien. Ich sagte mir noch, dass ich den Herrn überhaupt nicht kenne, und mir eigentlich kein Urteil bilden dürfte. Nach dem Bezahlen liefen wir dann raus. Da sah ich den Mann von vorhin: Er packte seine Bierflaschen in seinen Jeep, das voll war mit Werkzeugen. Ich konnte mir ein lautes Lachen nicht verkneifen, habe ich mich doch erwischt, mich dem Vor-Urteil nicht wirklich entziehen zu können.
Wir sollten uns immer wieder bewusst machen, dass wir sehr dazu neigen Dinge falsch zu interpretieren und zu beurteilen. Statt einfach zu glauben, dass die Dinge so sind, wie wir sie annehmen, sollten wir uns eher daran gewöhnen, dass wir mal nachhaken. Jetzt ist es aber so, dass uns eher die Angst bremst, dass wir “dumme” Fragen stellen könnten. Oder dass wir mit der Nachfrage erst Recht ins Wespennetz stechen könnten. Allerdings zeigt die Erfahrung dem, der als nachfragt, dass das Nachfragen eine konstruktive Kommunikation überhaupt möglich macht.
Donnerstag, 5. August 2010
Die Fröschlein in der Sahne
Im letzten Eintrag ging es um Geschichten erzählen in der Beratung. Heute gibt es eine Geschichte, die sehr schön auch in die Beratung eingebaut werden kann. Die Geschichte von den Fröschen in der Sahne.
Es waren einmal zwei Frösche, die fielen in den Sahnetopf.
Sofort dämmerte ihnen, dass sie ertrinken würden: Schwimmen oder sich einfach treiben lassen war in dieser zähen Masse unmöglich. Am Anfang strampelten die Frösche wie wild in der Sahne herum, um an den Topfrand zu gelangen. Aber vergebens, sie kamen nicht vom Fleck und gingen unter. Sie spürten, wie es immer schwieriger würde, an der Oberfläche zu bleiben und Atem zu schöpfen.
Einer von ihnen sprach es aus: "Ich kann nicht mehr. Hier kommen wir nicht raus. In dieser Brühe kann man nicht schwimmen. Und wenn ich sowieso sterben muß, wüßte ich nicht, warum ich mich noch länger abstrampeln sollte. Welchen Sinn kann es schon haben, aus Erschöpfung im Kampf für eine aussichtslose Sache zu sterben?"
Sagte es, ließ das Paddeln sein und ging schneller unter, als man gucken konnte, buchstäblich verschluckt vom dickflüssigen Weiß.
Der andere Frosch, von hartnäckigerer Natur, vielleicht auch nur ein Dickkopf, sagte sich: "Keine Chance. Aussichtslos. Aus diesem Bottich führt kein Weg heraus. Trotzdem werde ich mich dem Tod nicht einfach so ergeben, sondern kämpfen, bis zum letzten Atemzug. Bevor mein letztes Stündlein nicht geschlagen hat, werde ich keine Sekunde herschenken."
Es strampelte weiter und paddelte Stunde um Stunde auf derselben Stelle, ohne vorwärtszukommen.
Und von all dem Strampeln und die Beinchen schwingen, Paddeln und Treten verwandelte sich die Sahne allmählich in Butter.
Überrascht machte der Frosch einen Sprung und gelangte zappelnd an den Rand des Topfes. Von dort aus konnte er fröhlich quakend nach Hause hüpfen.
(Foto: Flickr – Bernd Schüttke [Maharepa])
Montag, 2. August 2010
Komm, ich erzähl Dir eine Geschichte - in der Beratung
Es war Abend, als ich mit einer Bekannten und Ihrem Freund in einem Cafe saß. Das ist jetzt schon einige Jahre her. Wir unterhielten uns über dieses und jenes. Ich weiß nicht mehr genau wie es dazu kam. Ich weiß nur noch, dass ich plötzlich anfing eine Geschichte zu erzählen. Nein, ich erzählte sie nicht einfach so nach, ich lebte sie. Mitten im Cafe. Zu meiner eigenen Überraschung gab ich den Personen eine eigene Stimme. Sprach mal laut, dann mal leise. Machte Gesten, schnitt Grimassen, und selbst meine Blicke setzte ich gezielt ein. Als Erzähler war ich zu der Zeit wirklich nicht geübt. Doch ich setzte unbewusst die Pointe der Geschichte an die richtige Stelle. Ja, ich betonte sie regelrecht richtig. Denn in dem Moment schaute ich meine Bekannte an und sprach den letzten Satz, also die Pointe. Darüber war meine Bekannte so verblüfft, dass sie im Cafe fast schon sehr gut hörbar einen überraschten Laut von sich gab. Ihr Freund gab zwar keinen Laut von sich, aber an seiner Körperhaltung konnte ich sehen, dass er über den Schluss genauso verblüfft war. Ach ja… die Story habe ich aus „Das lustige Taschenbuch“ entnommen… Das lustige Taschenbuch? Ja… Entenedition… Donald Duck… (es befinden sich in manchen Taschenbüchern tatsächlich tiefergehende Geschichten, die man als suchen muss wie nach einer Perle)
Ich fand es immer irgendwie schade, dass in unserer Kultur und Zeit das Erzählen abhanden gekommen ist. Von je her faszinierten mich (gute) Geschichten. Besser, wenn sie gut erzählt worden sind. Später hörte ich immer wieder, dass Geschichten die Eigenschaft haben, dass sie im Gedächtnis haften bleiben. Aus diesem Grund habe ja Jesus auch Geschichten erzählt. Mehr noch, die ganze Bibel besteht aus Erzählungen und nicht, wie wir es sonst eigentlich erwarten dürften, aus Vorschriften und Listen.
Sollte ich sagen, dass ich kurioserweise mich an sehr viele Zeiten erinnere, in denen erzählt wurde? Und auch an sehr viele Geschichten? Eigentlich nicht. Denn kurios ist es eben nicht, dass ich mich noch sehr gut daran erinnern kann, sondern natürlich.
Ich erinnere mich daran, als ich in meiner Schulzeit mit zwei Freunden gemeinsam Geschichten ausdachte und sie erzählte. Jeder „musste“ sich eine Geschichte ausdenken und sie erzählen. Natürlich versuchte jeder die andere Geschichte an Spannung und Fantasie zu toppen. Doch bei all dem gab es nie Gewinner oder Verlierer. Zumindest nicht als Erzähler. Gewinner gab es immer, denn wir hatten heimliche Zuhörer – doch das konnte man ja irgendwie nie wirklich zugeben.
Das Erzählen behielt ich bei, als ich anfing mit Jugendlichen und Erwachsenen zu arbeiten. Ich erzählte sie nicht einfach nach, ich lebte diese Geschichten. Kurioserweise entdeckte ich bei mir, dass das Geschichteerzählen bei Beratungen unterzugehen droht. Warum eigentlich? Sind es doch gerade Geschichten, die sich besser einprägen. Und auch verstehen lassen, was eigentlich los ist bzw. los sein könnte. In Seminaren erzähle ich gerne Geschichten. Das führt stets zu Aha-Momenten oder zu verblüfftem Gelächter. Und was immer wieder für mich überraschend ist: Selbst die wildesten Horden von Jugendlichen bekomme ich zahm, wenn ich Geschichten erzähle. Gleichzeitig bekomme ich gerade von den wildesten Kerlen Rückmeldung, dass diese oder jene Geschichte „wirklich gut war“ (O-Ton).
Und oftmals wurden Geschichten Freunden und Bekannten weitererzählt. Oder ich wurde gefragt wo ich meine Quellen hätte. Auch später noch, als einige Zeit vergangen war, erinnerte man sich an die Geschichten. Ja, sogar nach ein paar Jahren noch.
(Foto: Flickr - Mike Grenville)
Montag, 26. Juli 2010
Unser Untertitel gefällt uns nicht

Vor einigen Wochen haben wir, Dennis Riehle und ich, uns mit dem neuen Sprecher der Berater und Seelsorger für unseren Verein, Karsten Gräbnitz, getroffen. Wir trafen uns zu einem Austausch. Gleichzeitig unterhielten wir uns auch über die Öffentlichkeitsarbeit, für die er zusätzlich beauftragt worden ist. Dabei kam auch unser Untertitel "Die etwas andere Krankenkasse" noch mal zur Sprache.
So richtig zufrieden waren wir nie wirklich mit dem Untertitel. Interessant fanden wir die für uns völlig neue Sichtweise. Nämlich, dass der Untertitel u.a. Menschen abschrecken könnte, die generell an einer (Lebens-)Beratung interessiert seien. Suggeriere der Untertitel doch, dass jeder, der eine Lebensberatung oder auch Seelsorge in Anspruch nehme, krank sei. Doch das sind sie definitiv nicht automatisch. Über einen geeigneten Untertitel zerbrechen wir uns nun (wieder einmal) den Kopf.
Es ist doch leider immer noch so, dass überhaupt eine professionelle Lebensberatung in Anspruch zu nehmen eine Hemmschwelle ist. Zumindest bei denen, die es eigentlich bräuchten, bei denen aber der Leidensdruck noch nicht so stark ist. Die Wenigen, bei denen der Leidensdruck recht groß ist, und bei denen eine Hemmschwelle vorhanden ist, sind allerdings immer noch zu viel. „Das wird schon.“, mag manch einer sich denken. Oder: „Bisher ging es auch ohne“. Dahinter steckt die Angst, dass mit einem „was nicht stimmt“. Dass man ein psychologisches Problem hat. Dabei nimmt doch jeder für sich doch irgendwie Lebensberatung in Anspruch.
Gerade dieser Tage konnte man vielleicht Zeuge einer Lebensberatung gewesen sein – unfreiwillig natürlich. Als die Tage so heiß waren, und Sie vielleicht sich ein Eis oder auch ein Eis-Kaffee in einer fast überfüllten Eisdiele gegönnt haben. Gesprächsfetzen wie solche werden Sie sicherlich kennen: „Du, neulich, da…. Meinst Du ich sollte…? Oder eher…?“
Auch und gerade weil wir als Berater immer wieder mit der Hemmschwelle einer Lebensberatung konfrontiert werden, wollen wir als Verein die Hemmschwelle dafür stark mindern. Schöner wäre es natürlich, diese Hemmschwelle ganz ausmerzen zu können. Daher ist für uns demnächst verstärkt Kopfzerbrechen angesagt. Für Anregungen, Ideen, Vorschläge, was immer es gibt, sind wir voll und ganz offen – und sehr dankbar.
Samstag, 24. Juli 2010
Wir wissen, wen wir sicherlich nicht vermitteln werden...
Dienstag, 20. Juli 2010
Wie wir kommunizieren werden... wollen...
Erinnern Sie sich noch an die Zeit, als Sie vielleicht ein lustiges oder auch interessantes Bild unbedingt jemandem per E-Mail schicken mussten? Oder gar eine PowerPoint-Präsentation? Wie mühsam es war, die Mail zu schreiben, die Datei zu suchen und anzufügen, die E-Mail-Adressen rauszusuchen und auf „Senden“ zu klicken. Dann zu beobachten wie die E-Mail durch das Modem ächzt und keucht, und es dann endlich nach gefühlten Stunden geschafft hat. Ach nein, beim Empfänger geht dasselbe Prozedere noch mal von vorne los…
Wie schön wäre es gewesen, wenn wir ein Bild, eine Präsentation oder auch einen Film im Web gefunden haben, das einfach von der Seite aus direkt an unsere Freunde oder Kollegen weiter zu verlinken? Vielleicht gar mit einem kurzen Kommentar versehen. Alles mit nur einem Klick. Und nicht nur das. Andere können auch sehen, was ich besonders gelungen oder gut finde. Wie oft kam der Wunsch schon vor, als Sie mal einen sehr guten Artikel gelesen haben? Eben, dass es nicht nur Ihre Freunde oder Kollegen davon erfahren, sondern auch andere, womöglich deren Freunde und Kollegen. Sehr wahrscheinlich ist es jedem schon so ergangen.
Heute gibt es tatsächlich diese Möglichkeit. Vielleicht haben Sie beim Lesen auch gleich an Facebook gedacht. Eventuell auch noch an Twitter. Die Möglichkeiten im Web, anderen etwas mitzugeben und mitzuteilen sind enorm gewachsen. Manch einen erschlagen die Begriffe gar: Facebook, Wkw, Kwick, youtube, Flickr, Slideshare, MSN, Stubleupon, Digg, und wie die alle heißen. Wer blickt als da noch durch? Manch einer sieht darin nur sinnlose Zeitverschwendung, andere sehen darin eine willkommene Möglichkeit einer Freizeitgestaltung, und wieder andere sehen darin hilfreiche Werkzeuge – pardon: Tools.
Auch wir sehen in diesen medialen Möglichkeiten hilfreiche Werkzeuge. Derzeit sind wir im Gespräch, wie wir diese Tools sinnvoll einsetzen und anwenden können. Denn zu unseren Haupt-Aufgaben gehört auch ein Netzwerk von und für Berater, Therapeuten und Interessierten. Das heißt, dass wir regelrecht kommunizieren wollen. Deswegen haben wir uns überlegt, dass wir demnächst eine Seite in Facebook eröffnen wollen. Doch wir verfallen nicht in blinden Aktionismus, sondern wollen sinnvoll und effektiv mit diesen Werkzeugen arbeiten.
Wir sind natürlich über Anregungen im Umgang mit diesen Medien offen und dankbar. Im Moment ist die Möglichkeit uns Anregungen zu geben noch auf „altmodischem“ Weg möglich: per E-Mail. Falls jemand schon in Facebook ist. Ich, Peter Varsek, bin schon dort. Wer mich adden will (neudeutsch für „in den Kontakt aufnehmen“), kann mir gerne eine „Freundschaftsanfrage“ schicken. Dann sind derzeit auch Anregungen über diesen Kanal möglich: www.facebook.com/peter.varsek.
(Foto: Gary Hayes; Flickr)
Donnerstag, 15. Juli 2010
In eigener Sache: bloggen...

Fast schon ein Jahr ist vergangen, seit wir das letzte Mal hier was reingestellt bzw. geschrieben haben. Und seither war es ruhig bei uns... zumindest online... und auch nach außen hin. Zugegeben, wir sind mit einem gewissen Eifer und Engegament an die Aufgaben gegangen, als wir die Christliche Lebensberatung e.V. übertragen bekommen haben. Wir, das sind Dennis Riehle und ich, Peter Varsek. Das war vor etwa zwei Jahren. Innerhalb dieser Zeit hat sich einiges getan.
Weiterhin sind wir mit Eifer und Engagement dabei. Ideen sprudeln nur so aus uns heraus. Leider stoßen wir dabei ganz schnell an unsere Grenzen. Einmal spielt hier mal wieder das liebe Geld eine Rolle. Und einmal könnten wir Personal gebrauchen. Aber auch hier spielt teilweise das liebe Geld eine Rolle. Und einmal liegt es einfach an der Zeit. Da wir diese Arbeit ehrenamtlich machen, sind wir auch gezwungen zu schauen, dass wir über die Runden kommen. Rechnungen wollen auch bezahlt werden. Und von Luft und (Nächsten-)Liebe kann nachweislich kein Mensch leben.
Ob uns das frustriert? Manchmal. Trotzdem mussten wir das Wort "Frustration" im Duden nachschlagen. Denn die Grenzen bringen uns gerade auf Ideen. Nur hat das manchmal den Nachteil, dass wir dann vor so vielen Ideen stehen, die wir unmöglich alle angehen und umsetzen können. Sicher, eine Strategieplanung muss her. Die machen wir uns ständig. Und ständig werden sie entsprechend optimiert.
Wir müssen erkennen, dass auch die Arbeit im Verein und mit dem Verein seine Zeit braucht. Uns hat es gut getan, dass wir uns an Prediger 3 erinnert haben. "Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde." (Koh 3,1 - LU ´84). Das hat uns soweit geholfen, dass wir unsere Aufgaben nun mit einer gewissen Gelassenheit angehen.
Einige Strategien haben wir entwickelt. Die sind zum Teil bereits im Einsatz. Manche werden noch umgesetzt. Lassen Sie sich überraschen. Ja, auch wir lassen uns überraschen, und freuen uns jetzt schon auf die Entwicklungen.
Mittwoch, 27. Mai 2009
Krisenzeit: Ein Prozess wird spürbar
Ein Artikel von Peter VarsekEin Mensch kam zu einem Meister und wünschte Heilung. Der Meister fragte ihn: „Willst du wirklich Heilung?“. Der Mensch wunderte sich über diese Frage: „Wenn ich es nicht wollte, würde ich mir dann die Mühe machen zu kommen?“ „Oh ja, die meisten Menschen tun das.“, antwortete der Meister. „Wozu?“, wollte der Mensch wissen. Der Meister schaute den Menschen an und sagte: „Nicht wegen der Heilung kommen sie, denn sie tut weh. Sie kommen, um Erleichterung zu finden.“ Später erklärte der Meister seinen Schülern das wirkliche Problem: „Menschen wünschen sich Heilung ohne Schmerzen. Das ist das gleiche wie solche Menschen Fortschritt ohne Veränderung wünschen.“
In der Beratung bzw. Therapie haben wir es mit Heilung zu tun. Wir wissen, dass Heilung ein Prozess ist, der aber immer mit Schmerzen verbunden ist. Wir wissen auch, dass das dazugehört und es heilsam ist. Geduldig begleiten wir diese Menschen in ihrem Prozess und machen Mut weiterzugehen. Das Ganze ist auch eine Reise, dessen Ankunft sich nie genau vorhersagen lässt. Ebenso wenig wissen wir, wie es anschließend konkret aussehen wird. Zwar haben wir so unsere Vorstellungen und Ahnungen, doch wissen können wir es nicht. Eines wissen wir mit Sicherheit: Es ist nie umsonst.
Zurzeit werden wir täglich in den Medien mit der Finanzkrise auseinander gesetzt. In manchen Blättern herrscht wahre Weltuntergangsstimmung, was nicht wirklich hilfreich ist. Denn es versperrt den Blick auf das Ganze. Bevor wir also zu schnell feststellen wollen, dass wir gerade das Strafgericht Gottes durchmachen, sollen wir uns fragen, ob das nicht einfach ein Wandlungsprozess ist? Ein Prozess, der sicherlich schmerzt. Ertappen wir uns dabei nicht als Patienten bzw. Klienten, die sich eine Abkürzung ohne Schmerzen wünschen?
Die Weltwirtschaftskrise hat m.E. reinigenden Charakter. Das Ganze erinnert hier ein Stückweit an das Jobeljahr, auch Erlassjahr, in 3. Mose 25,10ff. Zwar geht es darin, um die Freilassung der Sklaven und die Rückkehr der Besitztümer an den eigentlichen Eigentümer. Doch im Kern geht es hier um die Herstellung von Verhältnismäßigkeit. Das Jobeljahr fand jeweils nach sieben Sabbatjahren statt. Der Grundgedanke vom Sabbat ist der Ausgleich. Betrifft das Sabbatgebot im Dekalog, den zehn Geboten, quasi den Einzelnen und das unmittelbare Umfeld (Familie, Arbeiter im Haus, und Tiere), so fand im Sabbatjahr eine Ausweitung statt. Nicht allein das Aufhören der Arbeit, so auch der hebräische Begriff schabbat (vgl. Ex 23,12), stand allein im Vordergrund, sondern auch seine Wiederherstellung. Im wöchentlichen Sabbat und im Sabbatjahr galt die Wiederherstellung der vollständigen Harmonie von Mensch und Natur (vgl. Erich Fromm: Haben oder sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft. München ³³2005, 69.), aber auch der eigenen Kräfte und Ressourcen. Im Jobeljahr fand die Wiederherstellung darin statt, dass Schulden erlassen wurden, und Besitz zu ihren eigentlichen Eigentümern zurück kam.
Unsere derzeitige Angst liegt tiefer, als „nur“ eine Krise zu durchleben. Wir erfahren, dass die Schwellenländer wirtschaftlich zunehmend die Nase vorne haben. Begleitet wird der Gedanke von der alten linear-binären Logik: Wenn es dem einen gut geht, muss es dem anderen schlecht gehen. So nach dem Motto, Wohlstand kann immer nur auf Kosten der anderen gehen. Oder auch: Wenn andernorts der Wohlstand gelingt, bedroht sie unseren Wohlstand. Nur wer genauer hinschaut, wird feststellen, dass diese Logik so nicht mehr stimmt. Richtig ist: Schwellenländer haben aufgeholt bzw. sind im Aufholen, und 3. Welt-Länder holen ebenfalls mächtig auf. Wie sonst ist zu erklären, dass Mosambik 2002 nach der Elbe-Flut in Deutschland mit einem Benefizkonzert 300 000 Dollar für hilfsbedürftige Deutsche einbrachte? Ein Land, das sich 20 Jahre lang in einem Kalten-Krieg-Stellvertreterbürgerkrieg befand, das ca. vor zehn Jahren zu Ende ging, und nun im Wirtschaftswachstum immer wieder die 10 %-Marke überschreitet (vgl. Matthias Horx: Anleitung zum Zukunftsoptimismus. Warum die Welt nicht schlechter wird. München 2009, 93.). Damit wird bei genauerer Betrachtung deutlich, dass insgesamt, global, eine Angleichung des Wohlstands statt findet. Und diese Angleichung ist eine Veränderung von Altem. Von Altem, das auf dem Prinzip „auf Kosten der anderen“ baute.
Wir durchleben Veränderungen. Und das schmerzt. Was sich bisher an Strukturen bewährt hatte, bewährt sich heute nicht mehr. Vieles verlagert sich. Vieles verschiebt sich. Hilfreich ist hier anzupacken, und zu helfen, dass andere Möglichkeiten und Chancen sehen und erkennen. Auch und gerade als Berater bzw. Therapeuten. Mit Franklin D. Roosevelt: „Tu, was du kannst, mit dem, was du hast, und dort wo du bist.“ Oder wenn hier schon ein Politiker zitiert wird: „Gib nie, nie, nie, nie auf.“ (Winston Churchill; übrigens der ganze Inhalt einer seiner Reden).
(Bild: www.pixelio.de, Gerd Altmann)
